Es war endlich soweit! Der ungeduldig erwartete Tag, der 13. August, war da. Das Kofferpacken, begleitet von einem kleinen Vorurlaubsstreit, war geschafft und wir,
treue Hamburger, gekleidet in Schals und Regenmänteln, den Streit vergessen, Koffer in den Händen, verließen unsere Wohnung für zwei Wochen.
Unser Weg führte von Hamburg über Hannover nach die paradiesischen kanarischen Inseln.
Für uns war es kein gewöhnlicher Urlaub – es waren
unsere Flitterwochen. Die Vorfreude war so groß, dass nicht einmal die Strapazen des Unterwegs, wie etwa 4 lange nächtliche Stunden auf den unbequemen Stühlen des Hannover Flughafens, kaputter
Reisverschluss einer unseren Reisetaschen, woraus die Klamotten verräterisch fliehen wollten, das norddeutsche Wetter, - nichts konnte uns unser Glück, in Form zweier Heftchen mit den Buchstaben
TUI, rauben.
Was ist eigentlich Flugangst? Keine Ahnung! Als die große fliegende Zaubermaschine mit uns in der Luft war, ließ ich meine Uni, wachsende Berge von Büchern, woraus meine Magisterarbeit entstehen soll, meinen Studentenjob ohne Bedauern zurück in kaltem Deutschland.
Um acht Uhr morgens landete der riesige eiserne Vogel auf der bezaubernden Lanzarote und entließ uns in die Pfoten eines weiteren Märchenwesens auf 4 Rädern, das
uns freundlich mit Hola begrüßte.
Die frischgebackenen Gatten erreichten also
endlich den Planeten der Sonne, Entspannung und natürlich der Liebe. Wie nach einem Wunsch des Zauberstocks veränderte sich alles. Die für das Ohr so gewöhnliche deutsche Sprache erlosch etwas im
Englischen und Spanischen, die müden Gesichter der Mitreisenden mit Fältchen der Nachtreise glätteten sich, langweilige Pullis und Jeans mussten nun Platz für offene farbige Hauchen von Nichts an
den noch weißen Körpern machen.
Alles strahlte eine an Euphorie grenzende Erholung aus: das kleine gemütliche Hotel, unverständliche spanische Sprache, kaum bekleidete Urlauber. Die schwarzen Berge, die schlafenden Vulkane, von denen die ganze Insel bedeckt war, standen voller Würde und Kraft. Der grüne endlose Ozean wischte von mir die letzten Anspannungen ab.
Überwältigt von den Eindrücken des ersten Tages unserer Hochzeitreise schliefen wir um neun Uhr Abends ein.
Aufgewacht, erholt und von großem Hunger getrieben, gingen wir am nächsten Morgen ins Hotelrestaurant um die Vorteile unserer All-Inclusive-Reise auszukosten.
Bewaffnet mit Kaffe, Obst, Brötchen, Eiern und guter Laune genossen wir unser Frühstück. Leise Musik spielte im Hintergrund. Es war Chopin. Nun ja, besonders romantisch klang es nicht. Nach
einigen Augenblicken des aufmerksamen Zuhörens ist uns der Appetit vergangen. Es war Trauermarsch! Trauermarsch zum Frühstück in unseren Flitterwochen! In unserem kleinen Paradies auf der Wolke
Nummer sieben!
Die Landung zurück auf den Erden war ein Notfall. Ladies and Gentlemen! Fasten your seatbelts! Meine Damen und Herren! Bitte bleiben Sie auf Ihren Plätzen!
Erstaunlicherweise blieben die Gäste des Restaurants tatsächlich ruhig. Mehr noch! Fast keinen schien die Musik zu stören. Nur die Deutschen von dem Nachbarntisch lächelten uns an und sagten: „Das ist ja Trauermarsch!“
Es war eine Verschwörung! Ein Terrorakt! Die Welt war in Gefahr! Agent 007 alias mein Ehemann reagierte schnell und gnadenlos.
Er stand auf und ging zu dem Hauptkellner.
Nach wenigen Minuten war die Welt gerettet und regenerierte sich mit Bravo Hits.
Mein Mann erzählte mir später, dass der spanische Oberkellner über die Bedeutung dieses wunderschönen melodischen Stücks von Chopin sehr verwundert war. Er hat sich lange entschuldigt und über
die Aufklärung bedankt.
Diese kleine Episode war absurd, lustig und traurig gleichzeitig. In unserer Hochzeitsreise wurden wir an den Tod erinnert. Allerdings wenn man besonders in den Glücksmomenten an die Kürze und Unsicherheit des Daseins denkt, weiß man das Leben umso mehr zu schätzen und sich an jedem Tag zu erfreuen. Und wir machen das zusammen. Einer Ehe ist wahrscheinlich dafür auch gemacht: für die Liebe bis in den Tod. Ist diese Aussage zu naiv oder zu idealistisch? Ich weiß es noch nicht, aber ich werde es rausfinden.
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